Kopfbild Sommer
09.11.2015 erstellt von: Erik (Eru) Frank


500 Kilometer an einem Tag

Polderrunde: Thomas Fuchs, Ansgar Schiffler und Joachim Braun (v.l.) am Ende der langen Tour

Eine Nacht und ein Tag auf der Polderrunde bei Bodenheim

Können Hobby-Rennradfahrer 500 Kilometer in weniger als 24 Stunden fahren? Unsere Langstreckenradler Ansgar Schiffler und Thomas Fuchs haben Ende September 2015 diese Frage für sich geklärt. Ergebnis: es ist möglich, aber es ist sehr hart. Nach über 18 Stunden Fahrtzeit standen 500 Kilometer auf dem Tacho. Der Schnitt lag bei 27,41 km/h. Das hört sich gut an, aber während der Tour hatten die beiden auch Zweifel, ob sie die Sache überhaupt zum Abschluss bringen. Insbesondere die lange Nachtfahrt ging an die Substanz. Hier der Bericht von Thomas:


Die Idee zu einer 500-km-Tour entstand im Sommer 2013. Damals hatten Ansgar und ich bereits eine gemeinsame Tagestour über 400 Kilometer von Saarbrücken über Trier und Koblenz bis Mainz auf Straßen und geeigneten Radwegen gefahren. Nach diesem Doppelradmarathon stellte sich schon bald die Frage, ob wir nicht auch mal versuchen sollten, 500 Kilometer in weniger als 24 Stunden zu schaffen. Ein wichtiger Aspekt bei den weiteren Planungen war die Wahl der Strecke. Sollten wir eine lange Strecke durch verschiedene Landschaften wählen oder besser einen Rundkurs, der mehrmals gefahren wird? Die Erfahrungen, die wir während der 400 km-Tour auf teilweise holprigen Straßen gesammelt hatten, sprachen eher für einen Rundkurs mit durchgehend gutem Asphalt.

Die Polderrunde

Schon bald hatten wir eine geeignete Runde gefunden. Südlich von Mainz, in der Nähe des Naturschutzgebietes Laubenheimer-Bodenheimer Ried, gibt es einen bei Freizeitsportlern beliebten autofreien 7,45 Kilometer langen Rundkurs mit bestem Asphalt, der um einen großen Rheinpolder führt. Auf der Strecke hatten wir schon gelegentlich trainiert. Im Juni 2015 sind wir dort probeweise auch schon mal die Radmarathondistanz über 200 Kilometer gefahren. Auf einem Parkplatz am Rand der Polderrunde konnten wir ein Auto mit Verpflegung und Wechselkleidung parken. Sehr praktisch.

Der Rundkurs um den Polder hatte klare Vorteile, insbesondere die gute Qualität der Fahrbahn. Weniger Erschütterungen und Schlaglochschläge bedeuten eine geringere Belastung und letztlich weniger Schmerzen auf der geplanten 500-km-Tour mit mehr als 18 Stunden reiner Fahrzeit. Die Polderrunde hatte allerdings auch einen eindeutigen Nachteil: auf die Dauer ist es sehr öde immer wieder 7,45 km im Kreis zu fahren. Um die 500 Kilometer zu erreichen, mussten wir den Polder 67-mal umrunden.

Keine spezielle Vorbereitung

Eine systematische Vorbereitung mit Trainingsplan etc. haben wir für die 500-km-Tour nicht absolviert. Wie in jedem Jahr versuchten Ansgar und ich einfach nur möglichst viel Rad zu fahren. Egal ob Rennrad, MTB, Trekkingrad oder auch Rollentraining auf dem Ergometer. Im Laufe des Frühjahrs und während des Sommers sind wir auch mehrfach Radmarathons gefahren, um uns an lange Distanzen zu gewöhnen. Zwischen Ende April und Mitte September habe ich achtmal und Ansgar sechsmal Tagestouren über 200 Kilometer unternommen.

Eigentlich wollten wir schon im Sommer die 500er-Tour unternehmen; bevorzugt an einem regenfreien, nicht zu warmen und möglichst windstillen Tag starten. Davon gibt es nicht so viele. Im Sommer 2015 war es oft zu heiß. Und wenn das Wetter mal passte, hatten wir keine Zeit.

Erst Ende September fand sich ein Wochenende an dem wir beide frei hatten und die Wetterbedingungen stimmten. Wir nahmen uns vor, am Abend zu starten. Die Tour sollte mit der eher unattraktiven Nachtfahrt beginnen. Bis zum Sonnenaufgang wollten wir die 300-Kilometer-Marke erreichen und den Rest der Tour dann möglichst bei Sonnenschein fahren. Joachim Braun hatte sich freundlicherweise bereit erklärt, uns auf den letzten 200 Kilometern zu unterstützen.

Mehr als 18 Stunden auf dem Rennrad

Am Freitag, 25.9.2015 um 17:45 Uhr fuhren wir los. Bei 18 Grad Lufttemperatur und nur wenig Wind ging es in die ersten Runden. Nach jeder Runde wechselten wir uns in der Führungsarbeit ab. Pausen haben wir immer nach sechs Runden (= 44,7 km) eingelegt. Nach Einbruch der Dunkelheit fuhren wir mit Lampen (Ixon-IQ, 80 Lux).

Für die 500 Kilometer hatten wir einen Nettoschnitt von 27 - 28 km/h bezogen auf die reine Fahrzeit ohne die Pausen geplant. Das Tempo – so der Plan - sollte kontinuierlich sein. Von Anfang bis Ende möglichst eine gleichmäßige Belastung. Aber wie das so ist bei Amateuren: am Anfang – als wir noch Spaß am Fahren hatten - drückten wir einfach zu fest auf die Pedalen. Als wir am Samstagmorgen kurz nach 2 Uhr die 200 Kilometer-Marke erreichten, stellten wir fest, dass unser Schnitt bei fast 30 km/h lag. Zu schnell. Ab 2 Uhr wurde es auch merklich kühler, so dass wir auf den folgenden Kilometern das Tempo etwas rausnahmen.

Nach Mitternacht wurden wir zudem mit einem Phänomen konfrontiert, dass wir gar nicht vorausgesehen hatten. Wir waren nicht allein im Polder. Plötzlich tauchten Kaninchen, Mäuse, Wiesel, Rehe und sogar Füchse im Lichtkegel unserer Scheinwerfer auf. Es ist unglaublich wie viele nachtaktive Tiere es im Bodenheimer Ried gibt. Für unsere Tour war dieser rege Wildwechsel keine Bereicherung, im Gegenteil. Aufgeschreckt durch unsere Lampen sprangen die Tiere im letzten Moment vor unseren Rädern über die Straße. Immer wieder kam es zu brenzligen Situationen. Ansgar wäre einmal fast ein Reh ins Rad gesprungen.

Gegen 4 Uhr setzte dann der große Durchhänger ein. Wir wurden beide plötzlich so müde, dass wir schon befürchteten auf dem Rad einzuschlafen und im Graben zu landen. Wir haben uns dann beide eine Runde Schlaf im Auto gegönnt. Danach ging es wieder besser. Dennoch hatte die Nachtfahrt mit den nervigen Wildwechseln und der Müdigkeit ihre Spuren hinterlassen.

Die kritische 300-Kilometer-Marke

Im Morgengrauen näherten wir uns der 300-Kilometer-Marke. Diese Schwelle bildet bei Langstreckenfahrten eine Zäsur. Nach 300 Kilometern ist jedes Bedürfnis nach Bewegung erledigt. Man fährt dann schon mehr als zehn Stunden in der engen Rennradsitzposition und spürt die orthopädischen Belastungen. Der Nacken und die Handgelenke schmerzen, die Oberschenkel ziehen. Der Körper will nur noch Ruhe. Jetzt kommt es darauf an, den Körper zum Weiterfahren zu zwingen, obwohl der gar nicht mehr will. Das geht nur mit dem Kopf. Man darf nach 300 Kilometern nicht daran denken, dass jetzt nochmal 200 weitere anstehen. Am besten denkt man an etwas anderes und fährt einfach immer weiter.

Um 7 Uhr trafen wir Joachim Braun am Parkplatz, der uns auf den letzten 200 Kilometern unterstützen wollte. Die Phase zwischen 300 und 400 Kilometern ist wohl die schwerste. Wenn die 400 Kilometermarke erstmal geschafft ist und man noch einigermaßen die Pedale treten kann, setzen wieder neue Kräfte ein. Joachim kam also gerade zum richtigen Zeitpunkt, als Ansgar und ich spürten, dass es für uns kräftemäßig bei jeder Runde schwerer wurde, vorne im Wind zu fahren und das Tempo hoch zu halten. Mit Joachim kam wieder Schwung und Laune in die Tour. Er war ausgeruht und fit. Und als geübter Marathonfahrer konnte er auf dem letzten Teilstück die gesamte Führungsarbeit übernehmen. Wir konnten uns in seinen Windschatten hängen. Herzlichen Dank an Joachim! Ohne seine Unterstützung hätten wir beide die Tour möglicherweise frühzeitig abgebrochen.

Ab 7 Uhr wurde es wieder hell und bald kam die Sonne heraus. Bei schönem Spätsommerwetter ließ es sich gut fahren. Im Laufe des Tages tauchten auch die Freizeitsportler wieder auf. Ab und an begegnete uns jetzt ein Jogger, Radfahrer und Inlineskater. Am späten Vormittag erreichten wir die 400 Kilometer-Marke. Danach stieg die Stimmung mit jeder Runde an. Jetzt konnte uns nichts mehr stoppen. Am Samstag (26.9.15) um 16:27, nach 22 Stunden und 27 Minuten war es dann endlich soweit – wir hatten die 500 Kilometer-Marke erreicht. Unser Schnitt für die reine Fahrtzeit ohne Pausen lag bei 27,41 km/h. Am Ende waren wir erschöpft aber zufrieden. Wir hatten unser Ziel erreicht.


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